Arp Schnitger

Arp Schnitgers Erweiterungsbau von 1683
(lt. Kontrakt vom 25. Juli)

 

Disposition

IM HAUPTWERCK
Principal 8 Fuß, alt
Quintadene, so sonsten 8 Fuß geweßen,
16 Fuß aus dem F angehendt
Rohrfloit 8 Fuß, alt
Octave 4 Fuß, alt


Nassat 3 Fuß, alt
Rauschpfeiffe neuw an statt Sexquialtera
Octave 2 Fuß, alt
Zimbel dreyfach, an statt der Zincke, neuw
Mixtur, alt
Trommette, alt

 

IM BRUSTWERCK

Gedacktes 4 Fuß, alt

Octave 2 Fuß, alt

Quintfloit im discant, alt

Scharff 3 fach, neuw

Regal 8 Fuß, alle aus dem

großen C biß inß c‘‘‘

 

DAS RÜCKPOSITIV VON LAUTER NEWEN STIMMEN
Principal 4Fuß, von klahren Zinnen
Hamburger Probe
Gedackt 8 Fuß
Spitzfloit 4 Fuß,
Sexquialtera
Tertzian 2 fach
Siflit 1 ½ Fuß
Waldtfloit 2 Fuß
Octava 2 Fuß
Scharff 4,5 und 6 fach
Dulcian 16 Fuß

 

IM PEDAL

Principal 8 Fuß, neuw

Untersatz 16 Fuß, alt     

Octava 4 Fuß, alt

Rauschpfeiffe, alt

Nachthorn 2 Fuß, neuw

Mixtur, 4,5 und 6 fach

Posaune 16 Fuß, neuw

Trommet 8 Fuß, alt

Cornet 2 Fuß, alt

 

1.   Das Oberwerk (Hauptwerk)
Schnitger veränderte das alte Werk Wildes nicht wesentlich. Damit blieb der vokale Charakter der Principale erhalten. Unter Verwendung der Pfeifen aus Wildes Quintadena (Querpipe) machte er aus diesem Register einen 16‘. In loser Anlehnung an die alte Klingende Zimbel baute er eine neue Quartsext - und Terzzimbel (repitierend als eine Art „Glockenspiel").
In seinem Vertrag benennt Schnitger eine alte Sesquialtera; die Herkunft dieses Registers ist nicht gesichert dokumentiert. Jedoch reizen ein paar Tatsachen dazu, in dieser Frage zu spekulieren:

Eine Sesquialtera (als 2 2/3‘ + 1 3/5‘) wurde in Norddeutschland erstmals um 1630 von Gottfried Fritzsche gebaut, also 30 Jahre nach Wilde in Lüdingworth. Sein Sohn Hans-Christoph baute 1647/48 eine solche in das Rückpositiv der Altenbrucher Nachbarorgel. Zur gleichen Zeit war er auch in Lüdingworth nur mit der Anfertigung neuer Bälge beschäftigt, darüberhinaus nicht.
Tobias Brunner, ebenfalls Meisterschüler Gottfried Frtitzsches, erfüllte einen Reperaturauftrag, den er 1657 in Lüdingworth erhalten hatte n i c h t , da er gleichzeitig in Groden arbeitete. Sein Lohn in Lüdingworth betrug nur 10 M + 1 M 3 ß für Materialkosten. Also kann die Sesquialtera nicht von ihm stammen.
Statt seiner übernahm ein Harmanno a Bruck aus dem Lande Wursten Arbeiten an der Lüdingworther Orgel. 1659 nahmen zwei Organisten, der Schultheiß, Landschöpfen und Provisoren seine Arbeit ab. Dieser personelle Aufwand legt den Gedanken nahe, Harmanno a Bruck könne die Sesquialtera, als Novum für die damalige Zeit, in die Orgel eingefügt und damit einen Schritt in die sich erweiternde Klangwelt des frühen Barock getan haben.

Warum hat Schnitger diese Sesquialtera wieder aus dem Hauptwerk entfernt?
Möglich ist, sie habe ihm qualitativ nicht genügt. Oder war es darüber hinaus restauratives Denken, an ihre Stelle im Hauptwerk die tiefen Chöre der alten Mixtur als Rauschpfeife zu setzen, mit der Restmixtur zusammen die alte Großmixtur Wildes zu erhalten (wenn auch um einen Chor verringert). Jedenfalls ist unter Schnitgers Umbaumaßnahmen das alte Renaissance-Hauptwerk im  Wesentlichen erhalten geblieben.

 

2.  Das Brustwerk
Dem Ideal der Werkorgel weiter folgend, ergänzt Schnitger das Brustwerk Wildes durch die hohe Mixtur 3 fach (Scharff) und erreicht damit das Ziel, aus den Anfängen einer bloßen Brust-Lade ein Brust-Werk zu machen. Aber auch er kann aus Raumgründen nur eine 4‘- Basis etablieren.
Das Scharff ist auf die 4‘-Basis ausgelegt. Es kann gleichzeitig auch als neu geschaffene Klangkrone der Orgel angesehen werden. Dafür sorgt die neue Schiebekoppel BW/HW. Durch sie wird es daneben auch möglich, mit dem Regal die sonst nicht gerade reich an Rohrwerken disponierte Orgel zusätzlich klanglich zu färben. 

 

3.   Das Rückpositiv
„....von lauter neuwen Stimmen" ist nach originalem, frühbarockem Schnitgerschen Konzept fast ganz von seinem Meistergesellen Andreas Weber gebaut. Als solches kontrastiert und ergänzt es zugleich Wildes Renaissance-Orgel. Die einschränkende Tatsache, daß 19 Wildepfeifen des Gedackt aus vermutlich einer anderen Orgel von Wilde stammen und nur 26 von Arp Schnitger, ist bedeutungslos. Der Dulcian verleiht dem Rückpositiv eine dem Hauptwerk ebenbürtige Gravität und Gleichgewichtung. Er entspricht aber auch der nun geübten Generalbaßpraxis des Triospieles mit der Baßstimme im Rückpositiv.
Sesquialtera und Terzian nebeneinander sind in Schnitger-Orgeln nicht ungewöhnlich. Beide repitieren hier ein- bzw. zweimal und eignen sich, neben der Quintmixtur verschiedene Terzenmixturen zu registrieren. Gleichfalls dienen sie auch cf. - Färbungen, die für die Alternatim-Praxis in jener Zeit von Bedeutung sind. Bemerkenswert ist die Spitzflöte, ein enges, konisches Register, einem stillen Principal oder sanften Streicher ähnlich.

4.    Das Pedal
Das bis dahin unvollständige Pedal als Werk wird nun im Sinne der sich ankündigenden Literatur für die große Barockorgel ausgebaut. Schnitger bringt seine Register in den zwei neuen „norddeutschen", d. h. an der Brüstung stehenden Pedaltürmen unter, mit dem bisher noch fehlendem Principal 8‘ als Praestant. Damit erübrigt sich Wildes Pedalkoppel, der alte „Bassturm" (vergl. A 3) verliert zugleich seine ursprünglich gedachte Funktion. Weiterhin baut Schnitger zur Rauschpfeife die Pedalmixtur. Mit einer mächtig klingenden Posaune sorgt er für ein kraftvolles Gegengewicht zum Hauptwerk und zum Rückpositiv. Das Plenum der Wilde-Schnitger-Orgel ist nun dem Plenum großer, städtischer Orgeln gleichzusetzen. Doch auch an cf.- Möglichkeiten denkt Schnitger - die Orgelkunst der Renaissance lebt weiter. Er disponiert neben Wildes Cornet einen weiteren Zweifuß, das Nachthorn.

 

Die Tonumfänge
Der Tonumfang der Orgel sowohl bei Wilde als auch bei Schnitger entspricht, den jeweiligen
zeitgenössischen Anforderungen:
Manuale Wilde: D E F G A ............g2 a2 (ohne gs2)
Schnitger: C D E F G A .........g2 - c3 (chromatisch)

Pedal Wilde: D E F G A......... c1
Schnitger: C D E F - d1 (chromatisch)

 

Zum Beschluß:
Die Wilde-Schnitger-Orgel mit Hauptwerk, „Brust" und Pedal ist im Wesentlichen als eine Renaissanceorgel erhalten.
1683 erhielt sie von Arp Schnitger ein Rückpositiv. Durch diesen Erweiterungsbau wurde sie, unter weitreichender Wahrung des Wildeschen Konzeptes zu einer durch die Orgelbauerfamilie Scherer angestrebten „Werkorgel" norddeutschen Typs.
Dank Orgelbaumeister Jürgen Ahrends kompromissloser Restaurierung (1982 und 1999) wurde diese Orgel zu einem Beispiel dieser beiden Entstehungsperioden.

Nach dem Urteil der Fachwelt ist diese Orgel, zu der es „kein gleichartiges Beispiel unter den nordeuropäischen Orgeln gibt" (Harald Vogel), „einzigartig in Europa, ja, in der Welt"
(Michael Radulescu).

 

 

Aktuelles

Das nächste Konzert:

29. Dezember 2018 

18 Uhr

Konzert bei Kerzenschein im Lüdingworther Bauerndom

Claire Garde, Traversflöte 

Anna Scholl, Orgel